Jetzt weiss ich noch weniger über ein Thema,

von dem ich zuvor schon nichts wusste


Organverpflanzungen im kritischen Monitor


(August 2007) Donnerstag, 21:45 in der ARD: Die halbe Stunde journalistischer Aufdeckungen über sogenannte Wahrheiten, die eigentlich nicht wahr sein dürfen. An jenem 23. August 2007 mobilisierte „Monitor” nationenweite Empörung mit einem Bericht über angeblich illegale Zuteilungen von Organen an zahlungskräftige Saudis.

Ein paar Interviews mit unbekannten Personen und ein zur Rede gestellter Chefarzt, der Mikro und Kamera offenbar so fürchtete wie die meisten Patienten eine OP. Seine etwas ungeschickten Antworten und der andererseits sicher sehr geschickte Zusammenschnitt des Filmmaterials schufen den vordergründigen Eindruck einer Schuldfähigkeit, die hintergründig keineswegs belegt ist.

Das offizielle Dementi der medizinisch höchst angesehenen Uni-Klinik liess nicht auf sich warten: Solche Behauptungen lägen seit Anfang Juli vor, die Staatsanwaltschaft befasse sich seither mit entsprechenden Strafanträgen gegen den anonymen Absender und eine unabhängige Kommission habe bereits die Vorwürfe überprüft. Danach entsprächen alle Transplantations­abläufe den gesetzlichen Bestimmungen. Finanzielle Unregelmäßigkeiten seien ebenfalls nicht festgestellt worden.

Die Beschuldigten weisen entschlossen einen Vorwurf zurück, der zwar massiv gesendet aber keineswegs bewiesen worden ist. Was soll der Fernsehzuschauer denn jetzt denken? Und was weiß er eigentlich über die Problematik und Folgen der fehlenden Transplantations-Organe.

In Deutschland warten über 10.000 Menschen auf ein Ersatzorgan; jährlich stehen insgesamt aber nicht mehr als rund 2000 gespendete Organe zur Verfügung. Nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) sterben täglich drei Patienten auf der Warteliste. Weniger als 15 Prozent der Bundesbürger besitzen einen Organspendausweis. Andererseits sollen laut einer forsa-Umfrage rund 80 Prozent der Befragten einer Organspende positiv gegenüber stehen. In dieser Differenz steckt die große Herausforderung für Gesetzgeber, Gesundheitswirtschaft und nicht zuletzt auch kritische Fernseh-redaktionen wie zum Beispiel „Monitor”.

Hier hat die Redaktion ihre journalistische Informationspflicht verletzt. Mal ganz abgesehen von den schweren Nebenwirkungen, zumal derartige Berichte nicht gerade die Nachfrage für Spendenausweise beflügeln. Ganz im Gegenteil: Jetzt wissen wir noch weniger als wir zuvor schon nicht gewusst haben.


© Michel Rodzynek 2020