Die Macht der Machtlosen

Der G20-Gipfel in Hamburg war eine Demonstration der Unfähigkeit zur Lösung der vielen Weltprobleme


Hamburg, 9. Juli 2017. Keine Frage: Die Lösung der aktuell beträchtlichen Probleme unserer Welt erfordert vor allem zielführende Kooperationen statt der verbreitet nutzlosen Konfrontationen. Gerade in der heutigen Lage wären konstruktive Dialoge zwischen den politischen Leadern dringend geboten. So gesehen ist der G20-Gipfel eigentlich eine theoretisch (!) sinnvolle Einrichtung. In diesem Jahr machte das bislang zwölfte Treffen der wichtigsten ­Industrie- und Schwellenländer gleichwohl primär Schlagzeilen mit seinen Nebenkriegsschauplätzen (im wahrsten Sinne) auf den Straßen einer Millionenstadt, die mir für ein derartiges Ereignis so geeignet erscheint wie eine Badewanne als Swimmingpool.

Die Folgen der beiden Tage (mit drei schlimmen Nächten) haben die zahlreichen Befürchtungen der warnenden Skeptiker sogar übertroffen:  Gewaltsame Demos und ­massive Verwüstungen, brutale Auseinandersetzungen ­zwischen chaotisch wütenden Extremisten und überforderten Sicherheitskräften, mehrtägiges Verkehrschaos und folgenschwere Beeinträchtigungen im täglichen Leben einer völlig paralysierten Metropole. Nicht mitgerechnet die astronomisch hohen Gesamtkosten dieser peinlichen und schockierenden Eitelkeitsparade  der – maßgeblich auch für die zunehmend eskalierenden Konflikte verant­wortlichen – eingeflogenen „Oberhäupter”. Ich habe noch immer das ­bezeichnende TV-Doppelbild eines Nachrichtensenders vor Augen, das auf der einen Seite den tobenden Mob auf brennenden Straßen und in der anderen Hälfte die fein ­gekleidete Politgesellschaft bei „Beethovens Neunte” in der repräsentativen Elbphilharmonie zeigt. Soweit die anteilnehmende Bürgernähe der größtenteils von denjenigen ­Menschen gewählten Politiker, deren Gipfelprogramm – ­ungeachtet der dramatischen Begleitumstände – starr und rücksichtslos nach dem minutiösen Veranstaltungsprotokoll durchgezogen wird, als wäre die von ihr regierte Welt in bester Ordnung. Motto: Es kann nicht sein, was nicht sein darf.

In diesem Kontext stehen auch die realitätsfremden Versprechungen des Hamburger Bürgermeisters Olaf Scholz, dessen verharmlosenden Ablaufprognosen des Weltgipfels in nur zwei Tagen ein öffentlich über Jahre generiertes Vertrauen zerstört hat. An den aufkommenden Rücktrittsforderungen dürfte auch die lokale Geschäfts- und Gastronomieszene beteiligt sein. Sie beklagt beträchtliche ­Umsatzeinbußen sowie Sachschäden und Plündereien, für die es wohl keinerlei Haftung durch die Veranstalter gibt. Die betroffenen Unternehmer sind quasi zur Mitfinanzierung dieser irrsinnigen Zusammenkunft der von 20 Staatsoberhäuptern mit ihren begleitenden Hundertschaften vergewaltigt worden.

Eine weitere Opfergruppe ist die aus dem gesamten ­Bundesgebiet mobilisierte Polizei, die weit über 200 teilweise schwer verletzte Kräfte beklagt. Spätestens jetzt sollten sich die zuständigen Innenbehörden mal fragen, ob die heutigen Schutz- und Sicherheitskonzepte den aktuellen und künftigen Risiken noch gewachsen sind. Vornehm ausgedrückt, besteht hier wohl unstrittig erheblicher Modernisierungs- und ­Anpassungsbedarf.  

Die wichtigste Frage bleibt angesichts der massiven Nebenwirkungen erst einmal unbeantwortet: Was ist denn nun bei diesem G 20 wirklich herausgekommen; wo zeichnen sich echte Lösungen der teilweise beängstigenden Probleme ab. Der (bereits wiederholt!) angekündigte Waffenstillstand in Syrien ist nicht mehr und weniger als ein kleiner Hoffnungsschimmer; die Erklärungen zu Handels­abkommen und Klimaschutz sind keineswegs so bahn­brechend, als das man die schweren Auswirkungen und gerade verschwenderischen Ausgaben dafür in Kauf nehmen könnte. Und die USA mit Donald Trump und glamourösen Anhang waren eigentlich nur eine mediale Attraktion. Dabei sind sie  – wie erwartet – ihre Legitimation als westliche Führungs­macht schuldig geblieben. Wie heißt es doch so schön: „Außer Spesen, nichts (oder kaum etwas) gewesen.” 

Ich würde mir wünschen, mit dieser banalen Feststellung falsch zu liegen.

© Michel Rodzynek 2020