Der Wandel vom Patienten

zum Umsatzfaktor

26. Februar 2020. Im deutschen Gesundheitswesen geht es mittlerweile mehr ums Geld als um das Wohl der Patienten. Medizinisch gesehen kommt mir die 2007 von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt initiierte Gesundheitsreform wie eine missglückte Operation vor, die das Gegenteil ihrer eigentlichen Absicht bewirkt. Dem Patienten geht es nach dem Eingriff noch schlechter als davor. Ein paar typische Beispiele für die aktuell bedenklichen Krankheiten des Gesundheitswesens in Deutschland lesen Sie auf den folgenden Seiten:


Erstens: Vertrauenskrise 

Sind denn alle heute veranlassten Untersuchungen und Behandlungen medizinisch wirklich notwendig, oder werden sie nicht auch mehr und mehr aus wirtschaftlichen Interessen von Kliniken und Praxen verschrieben? Anders gefragt: Werden Patienten für die Amortisation von Investitionen missbraucht? Zumindest können Nichtmediziner hier kaum differenzieren und sind letztendlich auf völliges Vertrauen in die ärztliche Autorität angewiesen. 
Die Schuld liegt keineswegs nur bei den Medizinern, die heutzutage oft knallharte Vorgaben des Klinikmanagements erfüllen müssen und selbst diese Entwicklung heftig beklagen. Mittlerweile funktioniert das Gesundheitswesen mehr nach wirtschaftlichen als medizinischen Richtlinien. Im Mittelpunkt steht nicht die Gesundheit der Patienten (besser gesagt, Kunden), sondern knallharte Gewinnsucht. Wobei sich die eigentlichen Behandlungsvorteile von Privatpatienten in einen gravierenden Nachteil umkehren. Bei dieser Gruppe werden Diagnostik und Therapie gern um solche (oft überflüssige) Maßnahmen ausgeweitet, die von den gesetzlichen Krankenkassen in der Regel nicht bezahlt werden. Ohnehin erscheinen mir die Kostenträger maßgeblich durch die missratene Reform benachteiligt, weil sie zunehmend auch für medizinisch nicht erforderliche Leistungen zur Kasse gebeten werden.Zu gesellschaftlich bedeutenden Themen wie z.B. Lebensqualität im statistisch steigenden Alter oder sinnvolle (!) Präventionsmedizin besteht weitgehend ein branchenweites Schweigen. 
Und damit die Pharmaindustrie noch mehr verkauft, bringen Ihre Lobbyisten die Weltgesundheitsorganisation (WHO) immer wieder dazu, die Referenzwerrte von Volkskrankheiten wie Bluthochdruck, Diabetes, Cholesterin) zu senken. Folge: Die Ärzte schreiben immer mehr Rezepte und die Kostenträger finanzieren die fetten Gewinne der Hersteller. Wie kontraproduktiv Medikamente sein können, zeigt ganz besonders auch der verschwenderische und oft unnötige Einsa
tz von Antibiotika. Häufig können sie deshalb nicht mehr die Bakterien verdrängen, weil der menschliche Körper durch überflüssigen Konsum eine hartnäckige Resistenz gegen die gängigen Antibiotika entwickelt hat.
Apropos Keime. Mangelhafte Klinikhygiene in Deutschland verursachen oft tödliche Infektionen besonders bei Frühchen sowie alten und schwerkranken Patienten. Was helfen uns fortschrittliche Chirurgie und Anästhesie, wenn sich beispielsweise erfolgreich operierte Menschen danach auf der Intensivstation an multiresistenten Keimen anstecken, gegen die kein „Kraut” gewachsen ist? 


Zweitens: Pflege-Notstand

Was nützen die besten Ärzte und medizinischen Fähigkeiten, wenn durch Personalmangel Betten nicht belegt werden können? Das deutsche Klinikwesen krankt an einem chronischen Defizit von Pflegekräften. Die Branche beziffert den dramatischen Mangel mit rund 15.000 Planstellen. Die Lücken werden immer größer und somit die Wartezeiten für Patienten mit dringendem Behandlungsbedarf zugleich länger. Wichtige Eingriffe können nicht ausgeführt werden, weil nicht ausreichend Personal für die Pflege, Betreuung und Beobachtung verfügbar ist. Ein entscheidender Grund für das bundesweite Manko an Gesundheits- und Krankenpfleger ist der insgesamt unattraktive Stellenwert dieses unattraktiven Berufsbildes ohne jegliche Anziehungskraft für den Nachwuchs. Das branchen- und bundesweite Defizit an Pflegefachkräften und Auszubildenden ist vor allem Konsequenz der global fehlenden Wertschätzung einer verantwortungsvollen Tätigkeit, die höchstes Engagement und Einsatzbereitschaft bei höchsten Belastungen fordert. Statt auf intelligente Konzepte zu setzen, die vor allem neue Rahmen- und Arbeitsbedingungen sowie lukrative Karrierechancen schaffen, suchen viele Kliniken nach Pflegepersonal in Osteuropa und Übersee. Neues Denken und Handeln zu diesem Thema wird selbst in führenden Klinikketten allzu gern von den typischen Bedenkenträgern im Keim erstickt. Mal abgesehen vom kollektiven Versagen der für ein leistungsfähiges Gesundheitswesen verantwortlichen Politiker. 


Drittens: Dramatischer
Organspenden-Rückgang

In Deutschland sterben täglich drei Menschen, weil sie die Wartezeit auf ein Ersatzorgan nicht überleben. Die aufschreckenden Schlagzeilen um illegalen Organhandel haben die ohnehin schwache Spendenbereitschaft noch weiter gelähmt. Die versagenden Gesundheitspolitiker verflüchtigen sich nunmehr in einem konzeptlosen Aktionismus und debattieren über Verfahrensfragen wie Zustimmung oder Widerspruch. Als würde man damit die Bereitschaft zur Organspende erzeugen können. Was seit jeher fehlt, sind öffentliche Motivationen durch ansprechende Kampagnen und Förderung. 
Motto: „Nicht nur Ärzte retten Menschenleben. Auch Organspender”. Konkrete Beispiele von geretteten Menschenleben durch Organspenden und den phantastischen Möglichkeiten der heutigen Transplantations-Medizin hätten viel mehr Überzeugungskraft als der bislang nüchterne und informationsarme Spendenaufruf. Oder wie wäre es mit einer Steuerbegünstigung für die Spender? Viele Bürger haben aber vor allem deshalb noch keinen Ausweis, weil man ihnen bislang nicht die berechtigten (!) Zweifel hat nehmen können, die sie von dieser wichtigen Unterschrift abhalten. Das wären vorrangige Aufgaben für die Verantwortlichen im Gesundheitswesen und auch für die „Deutsche Stiftung Organspende”.

 




© Michel Rodzynek 2020